LandArt Mühlenkreis

Work in progress - eine Ausstellung zum LandArt-Festival entsteht

Stimmen verschwebenden Schweigens
- Das Göttliche der Vor- und Frühzeit
in Skulpturen

Es ist Ende April 2017. Der Ort für unsere LandArt-Ausstellung steht schon lange fest: Es ist wie immer der
NaturGarten mit KunstObjekten
in Stemwede - Niedermehnen.
Dort blühten Ende März noch die Narzissen (BILD 01):
Die sind inzwischen verblüht - und LandArt 2017 im Kreis Minden-Lübbecke rückt näher.

Allerdings: Schon am letzten offenen Gartentag 2016 gab ein neues Objekt den ersten Hinweis auf LandArt 2017:
der Kopf eines Kykladenidols,
den Jürgen Rehling gearbeitet hat (BILD 02):

Denn bereits Mitte 2016 hat die Dorfgemeinschaft Niedermehnen
drei Künstlern aus dem Mühlenkreis ihre Überlegungen für die LandArt-Ausstellung 2017 unterbreitet:
Britta Holzmeyer, Offelten,
Jürgen Rehling, Sielhorst und
Thomas Koch, München und Lübbecke.

Alle drei KünstlerInnen und Künstler fanden die Idee hinreißend und arbeiten seither an deren Realisierung.

Die Idee:
Die archäologischen Funde des Göttlichen
der Vor- und Frühzeit in Skulpturen sichtbar
zu machen, sich diesem Göttlichen zu nähern.

Von der Altsteinzeit, dem Aurignacien
(ca. 40000 v.u.Z.) bis in die frühe Bronzezeit (ca. 1600 v.u.Z.), von den Mammutjägern Sibiriens bis zu den Menschen der Monumente von Carnac an der französischen Atlantikküste, von den bronzezeitlichen Menschen in Dänemark bis zu den Kykladenidolen Griechenlands und den Muttergöttinnen Maltas reicht die Spannbreite der Artefakte. Steinritzungen, Halbreliefs und vollplastische Darstellungen des Göttlichen der Vor- und Frühzeit.

Und - natürlich - geht es um die berühmtesten dieser Artefakte. Dazu gehört der Löwenmensch vom Hohlenstein-Stadel
im Lonetal.

Die 35.000 bis 41.000 Jahre alte Skulptur aus Mammut-Elfenbein, die einen Menschen mit dem Kopf und den Gliedmaßen eines Höhlenlöwen darstellt, ist im Original 31,1 cm groß. Sie stammt aus der jungpaläolithischen Kultur des Aurignacien und gehört zu den ältesten Kleinkunstwerken der Menschheit.

Mit seiner Interpretation des Löwenmenschen erstellt Thomas Koch in seinem Münchener Atelier eine Hommage an die Vorzeit (BILD03).

Zur gleichen Zeit arbeitet Jürgen Rehling in seiner Werkstatt an einem anderen Werk der jungpaläolithischen Kunst:
dem Wildpferd aus der Vogelherdhöhle.
Das Objekt ist im Original 4,8 cm lang und
ca. 32.000 Jahre alt und besteht aus Mammut-Elfenbein (BILD 04).

Im Zentrum der Kulturen der Vor- und Frühzeit stehen jedoch die sogenannten Venusfigurinen.

Heute geht man von einer einheitlichen religiösen Vorstellung während der Spätphase des Gravettien, also vor dem Höhepunkt der letzten Eiszeit aus, in der bereits großer Mangel an Nahrung herrschte und die Bevölkerungsdichte allmählich zurückging.
Am Ende dieser Phase vor 20.000 Jahren ist Mitteleuropa vollständig vom Homo sapiens verlassen worden.

Das bekannteste Beispiel einer solchen Venusfigur ist die aus Kalkstein gefertigte
"Venus von Willendorf",
deren Alter auf ca. 29.500 Jahre geschätzt wird. Sie gehört damit dem Gravettien
(ca. 35.000 bis 22.000 v.u.Z.) an.

Hier das Tonmodell der Venus von Willendorf, das Britta Holzmeyer als Vorlage gefertigt hat (BILD 05).

Und hier der Porta-Stein, den Britta Holzmeyer für ihre Venus von Willendorf ausgewählt hat.

So sieht der Rohling vor der Bearbeitung aus (BILD 06).


Venus de Laussel
Schon vor Jahren hat Britta Holzmeyer, Steinmetzin aus Offelten,
das Halbrelief der "Venus de Laussel"
gefertigt.

Ihr Alter wird auf 25.000 Jahre v.u.Z. geschätzt, womit auch sie in die Zeit des Gravettien gehört.

Dieses KunstObjekt gehört schon lange zum Bestand des NaturGartens.

Wir kommen auf ein Detail dieser Venus in anderem Zusammenhang zurück. (BILD 07)

Venus von Kostenki
Die Venusfiguren der jüngeren Altsteinzeit sind gekennzeichnet durch ihre üppigen Maße, die die Bedeutung der Frauen für die Menschen dieser Zeit unterstreichen:
Ohne Frauen keine Kinder und kein Fortbestand der jeweiligen Menschengruppe.

In die jüngere Altsteinzeit gehören auch die Venusfigurinen aus Mammutstoßzahn,
die in der Gegend von Kostenki (Donregion) gefunden wurden.

Eine davon wird Jürgen Rehling vorstellen (BILD 08).

Neueste Genom-Forschungen belegen, dass nach der letzten großen Eiszeit vor rund 20.000 Jahren, als der halbe Kontinent vergletschert war, eine Wiederbesiedlung Europas aus dem Südwesten, vermutlich von der iberischen Halbinsel aus, erfolgte.
Vor rund 14.000 Jahren - viel früher als bisher gedacht - kam es schließlich zu einer massiven Einwanderung aus Südosteuropa oder dem Nahen Osten, die das Erbgut im gesamten Kontinent prägte.

Auch ein kunstgeschichtliches Rätsel wurde mit den DNA-Analysen geklärt.
Die Venus von Willendorf (NÖ) und eine in Kostenki (Russland) gefundene Figur sehen einander extrem ähnlich, und so dachten die Wissenschaftler bisher, dass sie von einer Population hergestellt wurden, die eben die 5.000 Kilometer Entfernung irgendwie zurückgelegt hat.
Doch genetisch waren die Menschen in den beiden Regionen völlig anders.
"Es ist damals offensichtlich Kulturtransfer passiert, in diesem Fall sind also nicht die Menschen von hier nach dort gewandert, sondern ihr Wissen",
(Publiziert am 02.05.2016: MaxPlanck-Institut für Menschheitsgeschichte, Jena)

Ebenfalls ins Gravettien gehört die
Venus von Brassempouy.
Das lediglich 3,65 cm hohe Köpfchen der Venus ist das Fragment einer Elfenbein-statuette. Es handelt sich dabei um die bisher älteste bekannte genauer ausgeführte Darstellung eines menschlichen Gesichtes.
Die Venus von Brassempouy in einem frühen Stadium in der Werkstatt von Jürgen Rehling (BILD 09).

Die göttliche Mutter
Von der jüngeren Altsteinzeit (Paläolithikum)
in einem großen Sprung von 25.000 Jahren
in die späte Jungsteinzeit (Neolithikum)
und zu den um 3000 v.u.Z. über ganz Europa verbreiteten Megalith-Kulturen, die wir heute vor allem mit Stonehenge verbinden, den Megalithgräbern der Bretagne und den Tempeln von Malta (um 3000 v.u.Z.).
Trotz des riesigen zeitlichen Abstands dominiert in den Darstellungen noch immer
die göttliche Mutter.
"Déesse mère" oder "Grande Déesse", wie sie im französischen Kulturkreis genannt wird, findet sich unter anderem in den Megalith-Gräbern der Bretagne. Eine davon, die "Stèle gravée du Luffang" wurde zum Symbol des prähistorischen Museums von Carnac.

So sieht es bei Jürgen Rehling im Vorfeld der Nacharbeitung der Platte aus (BILD 10+11).

"La grande idole", eine weitere Darstellung der Muttergöttin, diesmal mit vervielfachten Brüsten, befindet sich als Tragstein im Dolmen von Pierres Plates in Locmariaquer am Golfe du Morbihan. Auch dieses in Stein gearbeitete Felsbild (Petrogylphe) hat Jürgen Rehling nachgearbeitet und wir werden es in unserer Ausstellung zeigen.


Und jetzt mal das Profane - ohne das
das Göttliche nicht sein kann:
Um die Steinplatten mit den Megalith-Göttinnen aufstellen zu können, werden sichere Haltegestelle gebraucht.
Walter Lohrie von der Dorfgemeinschaft hat solche entwickelt und zusammengebaut.
Hier ein Foto von Anfang April im Rohzustand, noch ohne Sandstrahlung und Farbe (BILD12).


Die Idole der Kykladen-Kultur
führen die beiden Entwicklungstendenzen der jungsteinzeitlichen Idole fort, indem sie abstrakte und naturalistischere Formen verwenden.
Die stark abstrahierten und in ihrer Formen-
sprache reduzierten Idole sitzender Frauen werden in der frühen Kykladen-Kultur (ca.3000 - 2700 v.u.Z.) durch Idole weitergeführt, die den Körper auf einen flachen Umriss beschränken.
Während der Hals markant herausragen kann,
wird der Kopf weggelassen, Ritzlinien deuten Körperdetails an.

Jürgen Rehling stellt zu dieser ungemein modern anmutenden Form ein Beispiel vor (BILD 13, Kykladenidol der Frühzeit).


In der Blütezeit der frühkykladischen Kultur (ca. 2700 - 2300 v. Chr.) wurden Tausende von Marmorfiguren geschaffen, einem gemeinsamen ästhetischen Gestaltungsprinzip folgend, quasi einem Kanon.

Die Marmoridole der Blütezeit
der Kykladenkultur (ca.2700 - 2200 v.u.Z.) gibt es in verschiedenen Größen, von unter
10 Zentimetern bis zu 1,5 Metern Höhe.
Die immer noch abstrakten, aber deutlich naturalistischeren Idole dieser Zeit sind alle gekennzeichnet durch den Typus der
"Nackten Göttin" mit dem seit dem späten Paläolithikum bekannten Gestus des Brüstehaltens (s. Venus von Willendorf).

Jürgen Rehling hat sich der Mühe unterzogen, sich einem solchen Idol zu nähern. Der leicht in den Nacken gelegte Kopf mit der plastisch herausgearbeiteten Nase, die plastisch herausgearbeiteten Brüste, das scheinbare "Stehen" der Figur nur auf Zehenspitzen und die häufig leicht gebeugten Knie stellten besondere Herausforderungen dar (BILD 14).

Die meisten Zivilisationen der Jungsteinzeit verehrten eine Mutter- oder Erdgöttin -
die Megalith-Kultur Maltas (um 2500 v.u.Z.) scheint dabei keine Ausnahme zu sein.
Das zeigt sich an den Artefakten, die in neolithischen Tempeln gefunden wurden, die zu den ersten freistehenden Großsteinmonumenten der Welt gehören.
Die Statuen aus den Tempeln stellen üppige Frauen-Figuren in unterschiedlichen Positionen dar - einige stehend oder sitzend, andere schlafend. Sie bestehen fast immer aus Ton.

Jürgen Rehling hat aus Thüster Kalkstein eine solche Frauenfigur erstehen lassen, die in der Ausstellung präsentiert wird (BILD 15).

Und natürlich geht nicht immer alles so einfach, wie es sich vielleicht anhören mag. Die erst 1999 gefundene bronzene Himmelsscheibe von Nebra
in Stein und als Herausforderung:
ihr Alter wird auf 3700 bis 4100 Jahre geschätzt. Dieses Artefakt der frühen Bronzezeit Mitteleuropas gilt als einer der wichtigsten archäologischen Funde aus dieser Epoche sowie als die älteste bewegliche und derzeit nach der Kalksteinplatte vonTal-Qadi in Malta die zweitälteste Himmelsdarstellung.
Die Scheibe war fertig - und dann hielt die Farbe nicht, was sie versprach (BILD 16).

40000 Jahre das Göttliche der Vor- und Frühgeschichte in
"Stimmen verschwebenden Schweigens".

Das blieb und bleibt nicht ohne Echo in der Kunstszene des 20. Jahrhunderts.

Nanas
Besonders bekannt sind die "Nanas"
von Niki de Saint Phalle, die sich ausdrücklich die Venus von Willendorf zum Vorbild nahm.
Mit dem Ausspruch "Alle Macht den Nanas!" stellte Niki de Saint Phalle Mitte der 1960er Jahre ihre sinnlichen, farbenfroh gestalteten voluminösen weiblichen Nanas vor.
Und schwer vorstellbar, welchen Aufruhr es noch 1974 in Hannover gab, als die Stadt einige Nanas kaufte und im öffentlichen Raum aufstellte.

Die Dorfgemeinschaft Niedermehnen hat die akademische ausgebildete Stemweder Künstlerin Judite Weitekamp gebeten, einige bunte Nanas à la Niki zu schaffen.
Judite Weitekamp arbeitet mit ganz unterschiedlichen Materialien, und wir sind gespannt, welches Material sie für ihre "Nanas" auswählt (BILD 17).

Auch die Stemweder Glaskünstlerin Jacqueline Wehrmann wird sich an unserer Ausstellung beteiligen - u.a. mit handlichen Glas-Nanas, die sich für den eigenen Garten eignen, und mit Glasabdrücken von Bretagne-Replikaten (BILD 18).

Und was machen wir in Niedermehnen gegenwärtig?

Wir schicken wie schon seit Monaten Mails, Ausstellungskataloge und Zeitungsberichte hin und her, telefonieren viel, treffen uns mit den Künstlerinnen und Künstlern, versuchen, einen Flyer zu erstellen usw.
Ansonsten: Bei dem April-Wetter - selbst im Mai - keine Lust auf Garten, obwohl noch die Standorte für die Skulpturen gefunden werden müssen.

Am Ausstellungsort
- im NaturGarten mit KunstObjekten -
blüht stattdessen das Wiesenschaumkraut rund um die Große Mondsichel-Stele
von Paul Wunderlich (BILD 19).

Womit wir zum Schluss noch einmal ganz zwanglos bei der Wirkung
des Göttlichen der Vor- und Frühzeit
auf die Kunst der Gegenwart sind.

© Text: Jutta Wasels;
© Fotos: Jutta Wasels, Jürgen Rehling,
Britta Holzmeyer, Thomas Koch,
Jacqueline Wehrmann, Walter Lohrie.

Bildtitel:
Venus von Willendorf (Britta Holzmeyer)
Venus von Kostenki (Jürgen Rehling)
Kykladen Idol (Jürgen Rehling)
Stèle gravée du Luffang (Jürgen Rehling)
Löwenmensch (Thomas Koch)
Nana in Glas (Jacqueline Wehrmann)

LandArt-Station 5.07
NaturGarten mit KunstObjekten
Jutta Wasels
Schmalger Weg 2
32351 Stemwede - Niedermehnen

Tel.: 05745 - 2637

E-Mail: JWasels@t-online.de
Website: www.niedermehnen.de

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Bild01: Der Veranstaltungsort- NaturGarten mit KunstObjekten

Bild02: Kykladen-Kopf von Jürgen Rehling

Bild03: Löwenmensch von Thomas Koch

Bild04: Wildpferd aus der Vogelherdhöhle von Jürgen Rehling

Bild05: Venus von Willendorf von Britta Holzmeyer

Bild06: Porta-Stein für Venus

Bild07: Venus von Laussel in NaturGarten

Bild08: Venus von Kostenki

Bild10: Sandsteinplatte vor der Bearbeitung

Bild11: Sandsteinplatte mit Skizze

Bild09: Venus von Brassempouy von Jürgen Rehling

Bild12: Halterung für Sandsteinplatten

Bild13: Kykladenidol der Frühzeit

Bild14: Kykladenidol der Blütezeit

Bild15: Jürgen Rehling arbeitet mit Thüster Kalkstein

Bild16: Himmelsscheibe von Nebra

Bild17: Nana in Beton

Bild18: Nana in Glas

Bild 19: Große Mondsichel-Stele